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Zusammenfassung

Lebenseinstellung und Zukunftserwartungen der ländlichen Jugend. Schriftenreihe der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft Nr. 35.


Mannert, J.

1981

Der relativ kurze Lebensabschnitt, den man allgemein als Jugend bezeichnet, ist eine besonders kritische und für das weitere Leben sehr wichtige Phase. Die Entscheidungen über die Berufsausbildung, der Eintritt in das Berufsleben, die Gründung einer eigenen Familie und viele andere Veränderungen fallen in diese Zeit.

Jugend umfaßt aber mehr als die Bereiche Schule, Beruf und Freizeit; auch die familiären Beziehungen gestalten sich im Vergleich zur Kindheit tiefgreifend um. Die Positionen Vater und Mutter werden plötzlich anders gesehen, die Wertbereiche Autorität und Partnerschaft prallen aufeinander wie kaum in einem anderen Lebensabschnitt.

Diesen familiären Sozialbeziehungen stehen außerfamiliäre soziale Gruppen gegenüber: Bekannte und Freunde, nicht zuletzt der andersgeschlechtliche Partner, werben plötzlich um die Gunst des Jugendlichen. Dadurch bewegt sich der junge Mensch in einem dreifachen Spannungsfeld: im schulisch-beruflichen, im familiären und im Freizeit-Wirkungsbereich. Überlagert und begleitet werden diese Spannungsfelder vom allgemeinen sozialen Wandel, der auch vor der ländlichen Gesellschaft nicht haltmachte.

Über diese Situationen, die Denkweisen, die Verhaltensmuster und die Zukunftserwartungen der ländlichen Jugend gab es in Österreich bisher kaum umfassende wissenschaftliche Untersuchungen Das Agrarwirtschaftliche Institut des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft hat deshalb im Rahmen seines Forschungsprogrammes eine diesbezügliche Studie durchgeführt. Fast 2.000 ländliche Jugendliche im Alter zwischen 15 und 25 Jahren in 43 Gemeinden des gesamten Bundesgebietes wurden mittels eines standardisierten Fragebogens über die Bereiche Allgemeine Kenndaten/ Elternhaus/Familie, Ausbildung/Beruf, Sozialkontakte/Freizeit, Bildung/Information, Kirche/Glauben/Sittennormen, Landwirtschaft und ländlicher Raum befragt. Die Gemeinden wurden nach Typen untergliedert in Agrar- und Nichtagrargemeinden sowie nach Subtypen in Grenzland- und Fremdenverkehrsgemeinden.

Die Sozialkontakte innerhalb der ländlichen Familie dürften nach den vorliegenden Ergebnissen im großen und ganzen reibungslos funktionieren: 37 % geben an, häufig ein Gespräch mit den Eltern über persönliche Dinge zu führen, 44 % tun dies manchmal. Je kinderreicher die Familie ist, desto stärker verlagert sich die familiäre Kommunikation in die Geschwisterschar. Nicht leicht zu interpretieren ist das Durchsetzungsvermögen der Jugendlichen gegenüber ihren Eltern: drei Viertel der Eltern lassen die Argumente ihrer - fast erwachsenen - Kinder nur eingeschränkt, ein Fünftel läßt sie uneingeschränkt gelten. An Konfliktbereichen treten in der ländlichen Familie folgende Aspekte in den Vordergrund: Nachhausekommen am Abend, finanzielle Dinge und Äußerlichkeiten (Kleidung, Frisur usw.).

Was die Berufswahl betrifft, so scheint die ländliche Jugend eine beträchtliche Eigenständigkeit aufzuweisen, denn 47 % haben ihre Schulausbildung und den Beruf allein gewählt; gemeinsam mit den Eltern taten es 38 %. Die berufliche Fluktuation der Jugendlichen ist als gering zu bezeichnen. Fast drei Viertel der Berufstätigen sind im erlernten Hauptberuf tätig. Damit einher geht auch eine große Berufszufriedenheit: 60 % sind mit ihrem Beruf voll und 38 % immerhin teilweise zufrieden.

Hinsichtlich der Sozialkontakte zur ländlichen Mitwelt spricht vieles dafür, daß die Landjugend in der dörflichen Gemeinschaft voll integriert ist. Über drei Viertel haben einen engen Freund, 95 % geben an, weitere Freunde mit loser Bindung zu besitzen. Der Anteil jener jungen Leute, die sich gesellschaftlich isoliert fühlen, ist mit 6 % sehr gering. Die relativ dünne ländliche Besiedlung scheint also der Isolation kaum mehr Vorschub zu leisten; Verkehrserschließung und Motorisierung, aber auch die Telekommunikation wirken sich auf die Sozialbeziehungen befruchtend aus.

Freizeit hängt eng mit den außerfamiliären Sozialbeziehungen zusammen. Die "Sozialisation" der ländlichen Jugend, verstanden als Prozeß der Einordnung des einzelnen in die Gemeinschaft, scheint intensiv zu sein. Das findet seinen Ausdruck darin, daß die Landjugend sehr "vereinsfreudig" ist. Zwei Drittel sind in irgendeinem der zahlreichen ländlichen Vereine aktiv tätig. Am beliebtesten sind die Sportvereine (29 %), die Organisation "Landjugend" (23 %), kulturelle Vereine (ein Sechstel), die konfessionellen Jugendgruppen sowie die Feuerwehr (je ein Siebentel). Bevorzugte Freizeitstätten sind die eigene Wohnung ( 42 % der Antworten), das Café bzw. Gasthaus (13 %) und das Tanzlokal (10 %). Mit der Verehelichung ändert sich das Freizeitverhalten drastisch: der Freundeskreis verliert zusehends an Attraktivität, man zieht sich stärker auf die eigene Familie zurück. Was die Freizeitbeschäftigung selbst betrifft, so treten deutliche Unterschiede zwischen Burschen und Mädchen zutage. Bei der männlichen Jugend rangiert in der Wertreihung ganz vorne der Sport, bei den Mädchen der Bereich Ausruhen/Schlafen/Nichtstun. (Die Betrachtung der Freizeitstätten und der Freizeitbeschäftigung zusammen läßt darauf schließen, daß das Schlagwort von der "Disco-Jugend" für die ländlichen Jugendlichen nur in beschränktem Umfang zutrifft.)

Im allgemeinen ist zu beobachten, daß die sogenannten passiven Tätigkeiten vor den kreativen in den Vordergrund treten. Weiterbildung, Musizieren/Singen, Handarbeiten/Basteln u.ä. bilden die Schlußlichter der Freizeittätigkeiten. Politisches Interesse der Jugendlichen ist nicht häufig anzutreffen; nur rund ein Zehntel ist in einer politischen Partei aktiv tätig. (Wie aus einer anderen Frage deutlich wird, interessiert sich ein Drittel überhaupt nicht für Politik; falls Interesse dafür bekundet wird, deckt sich die politische Einstellung der Jugendlichen in den meisten Fällen mit der des Vaters. Man könnte sagen, die Landjugend identifiziert sich politisch weitgehend mit den Vorstellungen und Denkansätzen der älteren Generation; dies trifft insbesondere für die bäuerliche Jugend zu.)

Die Landjugend ist im allgemeinen bildungswillig und informationsbedürftig. Praktisch alle sind an den Geschehnissen der Zeit interessiert. Hauptinformationsquellen sind dabei Fernsehen und Zeitungen zu gleichen Teilen. Während Tageszeitungen von relativ vielen (37 %) Jugendlichen regelmäßig gelesen werden, spielen Romanhefte praktisch keine Rolle. Bedauerlicherweise zählt aber auch das Buch in manchen Teilgruppen der ländlichen Jugendlichen zum Stiefkind.

Die Beantwortung der sittlich-religiösen Fragen ist von Natur aus bis zu einem gewissen Grad emotionell beladen und transzendent ausgerichtet; umso vorsichtiger muß man auch bei der Interpretation vorgehen. Je einschneidender der Inhalt der Fragestellung wird, desto kritischer wird die Einstellung der Jugendlichen zu den herkömmlichen Sittennormen und Moralmaßstäben. Die allgemeine Hypothese von der konservativen Landjugend stimmt in weiten Bereichen nicht. Alles in allem könnte man sie als "aufgelockert konservativ" mit vereinzelt deutlich "freisinniger" Weltanschauung apostrophieren.

Die ländliche Jugend beurteilt die Einkommensverhältnisse der Bauern im Vergleich zu Arbeitern tendenziell optimistisch. 44 % meinen, es bestünde kein Unterschied, 42 % erkennen einen Rückstand der Landwirte und 14 % glauben, den Bauern gehe es besser. Häufiger pessimistisch schätzen naturgemäß die Kinder von hauptberuflichen Landwirten die Situation ein: 68 % sehen einen Einkommensrückstand der Landwirte; Jugendliche aus agrarfremdem Milieu gibt es vergleichsweise wenige (27 %), die so urteilen. Kritischer ist die Landjugend, was die staatlichen Aktivitäten für die Landwirtschaft betrifft: 58 % meinen, der Staat tue für die Bauern zu wenig, 38 % verleihen das Prädikat "angemessen".

Der ländliche Raum als Wohnort, abgeschwächt auch als Berufsfeld und Freizeitraum, wird tendenziell positiv bewertet; eine pessimistische Grundhaltung kann nicht geortet werden. So halten fast drei Viertel der Jugendlichen ihren ländlichen Wohnsitz für zufriedenstellend, nur ein Viertel würde lieber anderswo, meist in einer anderen Landgemeinde, wohnen. Mädchen sind häufiger "mobil" als Burschen, was vermutlich mit dem Wohnortwechsel anläßlich der Verehelichung zusammenhängt. Die Bauernjugend ist häufiger "ortsfest", das dürfte zum Großteil berufsbedingt sein. Von den wenigen "Wanderungswilligen" insgesamt zieht es 44 % in eine andere Landgemeinde, etwa ein Drittel in eine ' Kleinstadt und ein Fünftel in eine Großstadt. Als Gründe für den beabsichtigten Wohnsitzwechsel werden je etwa zur Hälfte berufliche und persönliche Gründe angeführt.

Als Vorteile des Landlebens werden vor allem die gesunde Umwelt, die Schönheit der Landschaft und der große Bewegungsspielraum für die Kinder ins Treffen geführt.

Als Nachteile des Lebens auf dem Lande stehen ex aequo mangelhafte Arbeitsbedingungen, Bildungs-, Freizeit- und Unterhaltungsmöglichkeiten an vorderster Stelle. Was die Zukunft betrifft, so sieht die Mehrheit der Befragten für ihre ländliche Heimatregion eine positive Entwicklung.

Benachteiligungsgefühle, insbesondere genereller Art, gegenüber der städtischen Jugend sind selten, nur 6 % bekunden solche. 45 % haben solch ein Gefühl nur in manchen Bereichen, 40 % erkennen überhaupt keine Benachteiligung. Sofern die Frage bejaht wurde, sind die Gründe dafür in erster Linie bessere berufliche Aufstiegsmöglichkeiten sowie Schulungs- und Bildungseinrichtungen in der Stadt.

Die ländliche Jugend in Österreich zu Ende der siebziger Jahre sieht sich im Zuge des sozialen Wandels, der auch vor dem Land nicht haltgemacht hat, in gewissen Teilbereichen zwar benachteiligt, von einer "existentiellen Bedrängnis" (Planck 1970, S.245) kann aber nur in Ausnahmefällen gesprochen werden. Der gesellschaftliche Umbruch (Abwanderung, Berufsmobilität, Urbanisierung, Industrialisierung) vermochte zwar temporär gewisse Teilbereiche der Jugend zu verunsichern, die generelle und tiefgehende Erschütterung blieb jedoch anscheinend aus; das hatte sicherlich positive Auswirkungen auf das Selbstverständnis und den Zukunftsglauben der ländlichen Jugend. Zweifellos ist das zu einem Großteil auf die noch intakten familiären Verhältnisse und die relativ stabilen Sozialbeziehungen in den ländlichen Gemeinden zurückzuführen. Aber auch der wirtschaftliche Aufschwung und die relative Prosperität, die auch auf dem Lande spürbar wurde, trugen dazu bei, manche Härten des sozialen Wandels zu mildern und psychisch verkraftbar zu machen.

Die Landjugend meistert die Zwänge unserer Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft weder besser noch schlechter als die übrige Jugend, wobei zuvorderst der Leistungs- und Mobilitätszwang anzuführen sind. Der soziale Wandel manifestiert sich ferner in der Auseinandersetzung mit den überkommenen gesellschaftlichen Normen und der Bewältigung, Verinnerlichung und auch Umformung der urbanen Einflüsse und Denkweisen. In manchen Fragenbereichen spürt man förmlich das Aufbegehren und den Willen, den Wandlungsprozeß selbst aktiv mitgestalten zu wollen. Urbanes Gedankengut wurde vor allem im sittlich-religiösen Bereich einverleibt - trotz zahlreicher retardierender Elemente und Stabilisierungsfaktoren (Sitte, Brauch, Dorfkirche, lokale Autoritäten, Dorf- und Bauerntumsideologie). Die Urbanisierung, die sicherlich nicht in vollem Umfang a priori positiv bewertet werden kann, ging nicht in allen Jugendschichten gleich schnell vor sich; eine starke Verzögerung erfuhr sie im agrarischen Milieu, hier wirken die Stabilisierungsfaktoren besonders ausgeprägt. Die heterogenen Verhaltens- und Denkmuster zwischen bäuerlicher und nichtbäuerlicher ländlicher Jugend treten in vielen Themenbereichen markant hervor. Die soziale Herkunft ist somit einer der wesentlichsten Wirkfaktoren und Einflußvariablen in der Lebenseinstellung der Jugendlichen. Ein weiterer Faktor ist der Gemeindetypus. Würde man eine Wertskala der Verhaltens- und Einstellungsweisen von traditionell-konservativ in Richtung liberal-freisinnig erstellen, so müßte man die Gemeindetypen folgendermaßen reihen: Agrargemeinden im Grenzland, Agrargemeinden, Fremdenverkehrsgemeinden, Nichtagrargemeinden.

Da im Rahmen des gesellschaftlichen Wandels die berufliche Schichtung auch auf dem Land stark an Bedeutung gewonnen hat, kann man die Schlußfolgerung ziehen, daß das Landvolk und speziell dessen Jugend kein homogen agierender und reagierender Teil unserer Gesellschaft ist. Nicht nur Wandel, sondern auch Pluralismus, geistige, kulturelle und soziale Vielfalt prägten das Bild der ländlichen Jugend in den späten siebziger Jahren unseres Jahrhunderts.