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Zusammenfassung

Wintersporteinrichtungen und ihre Auswirkungen auf die Land- und Forstwirtschaft. Schriftenreihe der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft Nr. 47.


Greif, F.

1987

Das Problem der Flächeninanspruchnahme durch den Fremdenverkehr steht mit mehreren Faktoren in Zusammenhang:

mit der gebietsweisen Verdichtung der Fremdenverkehrseinrichtungen;

mit der Höhenlage der jeweiligen Flächenveränderung;

mit Umfang und Intensität der technischen Eingriffe;

mit dem Alter der Bestandes- oder Dienstbarkeitsverträge, welches für die Qualität des Rechtsverhältnisses meist ausschlaggebend ist;

mit der Bereitschaft der Fremdenverkehrsunternehmen zur Wiederherstellung quasi-naturräumlicher Verhältnisse auf ihren Betriebsflächen.

Aufgrund einer Erhebung ausgewählter Fallbeispiele liegen nunmehr für mehr als zwanzig Wintersportregionen Unterlagen vor: Das Ausmaß der vom Fremdenverkehr in Anspruch genommenen Flächen, Umfang und Art technischer Veränderungen und Präparierungsmaßnahmen, Maßnahmen und Verfahren zur Wiederbegrünung, die Art der Zusammenarbeit von Grundeigentümern und Fremdenverkehrsbetrieben, die Auswirkungen von Inanspruchnahme und Veränderung landwirtschaftlicher Nutzflächen auf die land- und forstwirtschaftliche Bodennutzung sowie die rechtlichen Grundlagen der Inanspruchnahme von fremdem Grund.

Grundsätzlich konnte festgestellt werden, daß eine wirtschaftliche Symbiose von Landwirtschaft und Winterfremdenverkehr auch bei sehr intensiver touristischer Nutzung und Veränderung von Flächen und Böden möglich ist und allseitig Vorteile bringen kann. Nur von Schädigungen der landwirtschaftlichen Nutzflächen allein, ohne Berücksichtigung von Flächenverbesserungen durch den Fremdenverkehr, kann nicht gesprochen werden. In besonderen Fällen führen Wiederbegrünungs- und Weideverbesserungsmaßnahmen sogar zu einer theoretisch verfügbaren, aber nicht mehr durch die Landwirtschaft verwertbaren Futterüberproduktion im Bergland.

Nicht zuletzt tragen zum generell positiven Verhältnis zwischen Land- und Forstwirtschaft und Winterfremdenverkehr die vertraglich festgelegten Entgelte für die Dienstbarkeit der Flächenbenutzung bei; diese Entgelte sind für viele Bergbauern- und Almbetriebe zweifelsohne eine willkommene Zubuße zum zumeist sehr schmalen monetären Betriebswirtschaftsergebnis.

Darüber hinaus wurde Material zu speziellen Fragen gesammelt und ausgewertet, um insbesondere auch Kenntnisse und Unterlagen zu strittigen Punkten zu sammeln, die mit Fragen des Zivil- und Naturschutzes (Sicherung vor Naturgefahren, Sicherung natürlicher Ressourcen) in Zusammenhang stehen.

Hier ergab sich, daß

einerseits die Auswirkungen der Inanspruchnahme auf Landwirtschaft, Landschaft und Natur von Land zu Land unterschiedlich sind - nicht zuletzt infolge unterschiedlicher gesetzlicher Regelungen;

anderseits zu den Belastungen der Land- und Forstwirtschaft neben den unmittelbaren Auswirkungen auf die Flächen auch eine Vielzahl von mittelbaren Einschränkungen des Eigentums an Grund und Boden gehört; diese wiegen in ihren Folgen für die Land- und Forstwirtschaft wesentlich schwerer, als die physischen Veränderungen von Nutzflächen und Böden selbst. Solche mittelbaren Einschränkungen ergeben sich einmal aus einer Vielzahl von Landesgesetzen, die den Wintersportbetrieb zur Inanspruchnahme fremden Grundbesitzes ermächtigen, sodann aber auch durch unklare oder vorschnell abgeschlossene Verträge.

Die Einräumung von Dienstbarkeiten bringt grundsätzlich die Mitbestimmung nichtlandwirtschaftlicher Nutzer auf mehreren 10.000en von land- und forstwirtschaftlichen Grundstücken mit sich. Für diese Flächen sind praktisch auf unbestimmte Zeit -da die Verträge auch für Rechtsnachfolger gelten - langfristige Nutzungsbeschränkungen oder -verzichte, in der Regel Bauverbote und Verbote der Kulturumwandlung, vereinbart. Vor allem in älteren Wintersportgebieten ist z.B. ein großer Teil (manchmal sogar die Gesamtheit) des Baubestandes auf fremdem Grund und Boden - neben der Belastung durch die Dienstbarkeit - als Superädifikatsbestand im Grundbuch eingetragen. Die Folgen, welche sich für das Eigentumsrecht an Grund und Boden daraus noch ergeben können, sind derzeit nicht abzusehen; man darf aber nicht verkennen, daß dadurch verschiedensten Manipulationen mit Nutzungsrechten und Dienstbarkeiten Tür und Tor geöffnet ist.

Im Sinne der örtlichen Raumplanung bedeutet dies, daß landwirtschaftlich genutzte Flächen mit Wintersportnutzung als Freiflächen erhalten bleiben. Gleichzeitig steigt aber der Bedarf an Baugrundstücken in Tallagen, in denen zumeist die agrarisch höherwertigen Nutzflächen liegen. So kann die Nutzung landwirtschaftlichen Bodens durch den Wintersport deutliche Konsequenzen für das Flächenwidmungsrecht der Gemeinden und die damit verbundenen Ziele der Gemeindeentwicklung haben.

Hinsichtlich der Raumbeanspruchung kann festgehalten werden, daß die Wintersportnutzung von Grund und Boden weder wegen des Umfanges der betroffenen Flächen, noch wegen einer (oft ins Treffen geführten) "Irreversibilität" von Flächenveränderungen ein landschaftsökologisch folgenschweres Problem ist. Denn alle (touristischen und nichttouristischen) Inanspruchnahmen umfassen schätzungsweise höchstens 0,5 % der Kulturfläche Österreichs; das entspricht ca. 40.000 ha, wovon etwa die Hälfte (20.000 ha bzw. 0,25 %) auf Flächen entfällt, die vom Winterfremdenverkehr* in Anspruch genommen werden; sie können im Einzelfall zu landschaftsökologischen Problemen führen. Nicht viel weniger, nämlich rund 15.000 ha, sind im verlauf der letzten 15 Jahre in Österreich alljährlich verbaut worden.

Im Hinblick auf kritische bis strittige Momente der Flächenveränderungen durch den Fremdenverkehr erbrachte die vorliegende Untersuchung noch folgende Ergebnisse:

Die Störung des Naturhaushalts durch die Pistenherstellung ist aus ökologischer Sicht zweifellos gegeben - zumindest so lange, bis eine erfolgreiche Wiederbegrünung erreicht ist. Darüber hinaus ist aber zu bedenken, daß Flächenplanierungen nicht nur Bodenverwundungen verursachen, sondern auch Möglichkeiten für die Ansiedlung neuer und unter Umständen sogar geschützter Arten mit sich bringen können.

Schäden durch Flächenplanierung hängen vom Umfang der vorgenommenen Veränderungen ab, so wie sie je nach Lage erforderlich waren oder eben durchgeführt wurden. Gerade weil in vielen weniger geeigneten Gebieten umfangreiche Geländekorrekturen vorgenommen wurden, wird immer wieder die Auswahl von Pisten nach Eignungskriterien verlangt; eine solche Auswahl würde aber von vornherein wie eine Widmung wirken und (in einem begrenzten Bereich) "ärmere" und "reichere" Grundbesitzer schaffen. Die in naturräumlichen Unterschieden begründete Ungleichheit der Grundbesitzer ist aber nicht zu unterschätzen; sie ist mit eine Ursache für Planierungen, wenn Besitzer von schlechter geeigneten Flächen auch Pisten haben wollen und dies auch durchsetzen können.

Bezüglich der Frage des erhöhten Erosionsrisikos durch Verstärkung des Oberflächenabflusses auf Pistenflächen kann eine Erhöhung der lokalen Erosionstätigkeit nicht geleugnet werden; alle Flächenveränderungen haben lokale Auswirkungen auf Oberflächenabfluß, Materialtransporte (Erosion) und Rutschungsanfälligkeit von Hängen; sachliche Beweise für die Erhöhung des Gefahrenpotentials können aber oft nicht erbracht werden, erst recht nicht unter Berücksichtigung der großen Anstrengungen zur Sicherung der Wintersportflächen vor Naturgefahren. Bei einer generellen Betrachtung des Problems darf aber auch der Umfang potentiell erosionsgefährdeter landwirtschaftlicher Kulturen nicht unberücksichtigt bleiben, der allein schon ein Vielfaches der Pistenflächen Österreichs beträgt.

Eine Rekultivierung als Ziel jeder Wiederbegrünung ist dann erreicht, wenn der Zustand der Pflanzengesellschaft standortgerecht und selbsttragend ist. Zur Erreichung eines solchen ökologisch richtigen Zustandes sind verschiedene Methoden geeignet, die in Intensität und Aufwand vorwiegend von der Höhenlage abhängen. Die Tatsache, daß naturräumliche und ökologische Gegebenheiten in immer größerer Höhe zu immer größeren Schwierigkeiten bei Flächenveränderungen führen, muß dabei entsprechende Beachtung finden. Es sollten, wo immer möglich, auch die Bedingungen für eine natürliche Wiederberasung gefördert bzw. genutzt werden.

Aus der Sicht der Land- und Forstwirtschaft müssen neben den ökologisch-naturräumlichen bzw. Bodennutzungsveränderungen ganz besonders die rechtlichen Vor- und Randbedingungen der Flächeninanspruchnahme Beachtung finden. Solange im Rahmen der bestehenden Rechtsordnung Grundeigentum unangetastet bleibt - d.h. dem Grundeigner genügend Mitsprache sowie ausreichende Entschädigung (eventuell Partizipation) eingeräumt werden - hat die Flächeninanspruchnahme durch den Fremdenverkehr für den Primärsektor bodenrechtlich keine nachteiligen Folgen. Mit der stärker gewordenen Stellung wirtschaftlicher Interessen bei der Inanspruchnahme fremden Grundeigentums - in unserem Fall durch den Wintersport - kommt es zu einer Veränderung jener grundlegenden gesellschaftlichen Bedeutung, die der Sozialpflichtigkeit des Grundeigentums in unserem Rechtssystem innewohnt.

Der Einsatz von Schneezement und anderen Materialien zur Schneefestigung ist flächenmäßig ziemlich begrenzt. Es muß dabei zwischen Stoffen, die Boden und Pflanzen schädigen (hauptsächlich Salze) und solchen Stoffen, die auf die Naturfaktoren förderlich wirken (düngerähnliche Substanzen), unterschieden werden. Auf die Möglichkeit der Überdüngung von Grünlandflächen durch Verfahren der Schneefestigung ist zu achten.

Von ganz wesentlicher Bedeutung für die Landeskultur sind die forstschädlichen Einflüsse durch Pisten im Wald, durch verbotenes Befahren von Jungkulturen sowie die Störung der Jagd durch den Betrieb des Winterfremdenverkehrs. So wie in manchen anderen Bereichen ist aber auch hier nicht jede Schuldzuweisung an den Winterfremdenverkehr gerechtfertigt.

Sehr kontroversiell wird derzeit die Diskussion über Auswirkungen von künstlich erzeugtem Schnee auf Boden und Vegetation geführt. Während die Gegner von einer extremen Schädigung der Grünlandvegetation sprechen, erbringt der Winterfremdenverkehr eindrucksvolle Beweise für Flächenverbesserungen und Ertragssteigerungen auf künstlich beschneiten Arealen. Unseres Erachtens dürfte der Nutzen, der bei einer ordnungsgemäßen Erzeugung künstlichen Schnees für die Landbewirtschaftung entsteht, größer sein als die möglichen negativen Auswirkungen.

Die Gletschererschließung wird von vielen Seiten aus ökologischen, umwelthygienischen, Naturschutz- und Landschaftsschutzerwägungen abgelehnt. Vor allem der Schutz der Gletscher als kleine naturlandschaftliche Besonderheiten, die gegen anthropogene Eingriffe mitunter sehr anfällig reagieren, ist zu befürworten. Dagegen wird die Behauptung, der Massenhaushalt von Eisgebieten werde durch den Schibetrieb negativ beeinflußt, von Glazialmorphologen widerlegt.