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Zusammenfassung

Ökonomische Ergebnisse von Rinderkreuzungen. Schriftenreihe der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft Nr. 58.


Pfingstner, H.

1990

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Milch- und Rinderproduktion haben sich im letzten Jahrzehnt durch Einführung der Milchrichtmengenregelung und der Handelbarkeit von Richtmengen beträchtlich verändert. Damit stellt sich für den Einzelbetrieb wieder die Frage der Vorteilhaftigkeit weiterer Leistungssteigerungen und der richtigen Nutzungsrichtung seiner Rinderrasse. Vor Einführung der Richtmengenregelung ging es hauptsächlich darum, die bestmögliche Verwertung der knappen Produktionsfaktoren Fläche, Gebäude und Arbeit zu erreichen. Mit Kontingentierung sollte die vorgegebene Richtmenge mit dem höchstmöglichen Deckungsbeitrag verwertet werden.

Die Aufgabe der vorliegenden Arbeit war es, die Ergebnisse eines Kreuzungsversuches unter den oben genannten Gesichtspunkten zu bewerten. Es handelt sich um einen Verdrängungskreuzungsversuch der Rasse europäisches Braunvieh (BV) mit den Rassen Brown Swiss (BS) und Holstein Friesian (HF). In die Berechnungen wurden folgende Rassen bzw. Kreuzungsgruppen einbezogen:

BV, BV x BS (= Bl), BS, BV x HF (= HI) und HF.

Einleitend erfolgt eine Analyse der wirtschaftlichen Situation von rinderhaltenden Betrieben. Dabei zeigt sich, daß die landwirtschaftlichen Einkommen von rinderhaltenden Betrieben in Grünlandwirtschaften des Hochalpengebietes nur ca. ein Drittel bis die Hälfte des Einkommens der Ackerwirtschaften betragen. Die rinderhaltenden Betriebe verfügen über eine geringe wirtschaftliche Ertragskraft, da z.B. rund 60 % der Futterbaubetriebe einen Standarddeckungsbeitrag bis S 250.000,- erzielen, bei den Marktfruchtbetrieben beträgt dieser Anteil 40 %. Bei einem Vergleich der 25 % besten und 25 % schlechtesten rinderhaltenden Betriebe ergibt sich, daß die produktionstechnische Effizienz entscheidend für die Einkommensstreuung ist. Die wesentlichsten Faktoren des Betriebserfolges sind das Intensitätsniveau (Ertrags-Aufwandsverhältnis), die Kapitalstruktur, der Spezialisierungsgrad im Bereich der Tierhaltung und die Betriebsgröße.

Im nächsten Teil der Arbeit werden die Wettbewerbsfaktoren in der Rinderhaltung behandelt. Dabei wird zwischen ökonomischen und genetischen Faktoren unterschieden. Die Preisrelation von Milch zu Rindfleisch (Stier) begünstigt in den letzten Jahren zunehmend die Milchproduktion. Ebenso verschob sich die Relation von Milch- zu Kraftfutterpreisen zugunsten des Milchpreises. Die Preise für Schwarzbuntkalbinnen (milchbetont) lagen bis Mitte der achtziger Jahre über jenen von Braunvieh und danach darunter. Ab diesem Zeitpunkt wurde die Richtmengenregelung wesentlich verschärft. Es folgt weiters eine Erörterung des unterschiedlichen Futteraufnahmevermögens von Kühen sowie der Reproduktions- und Fleischleistungsmerkmale.

Die Beurteilung der Wirtschaftlichkeit verschiedener Rassen erfolgt mit Betriebsmodellen und zwar anhand eines spezialisierten Milchviehbetriebes, eines Futterbau- und eines landwirtschaftlichen Gemischtbetriebes. Als Berechnungsmethode wird die lineare Programmierung eingesetzt, die sich für diese Problemstellung gut eignet, da vielfältige Beziehungen der Rinderhaltung untereinander und zu anderen Betriebszweigen bestehen.

Außerdem wurde das unterschiedliche Risiko verschiedener Betriebszweige mit Hilfe des MOTAD- bzw. des Focus-Loss-Ansatzes in das LP-Modell eingebaut.

Die ökonomische Bewertung der Stiermast- und Kälbermastversuche erfolgte mit der Deckungsbeitragsrechnung.

Die ökonomischen Vergleiche zur Stier- und Kälbermast zeigen eine gravierende Wettbewerbsunterlegenheit der reihen BS- und HF-Stiere bzw. -Kälber. Die Ursache dafür liegt in der schlechten Mast- und Schlachtleistung. BS- und HF-Stiere ergeben einen um 30-40 % geringeren Deckungsbeitrag je Maststier als BV-Stiere. Die B1- und H1-Stiere sind auch den BV-Stieren wettbewerbsüberlegen, während sich bei den Kälbern nur eine Überlegenheit der H1-Tiere im Vergleich zum BV abzeichnet.

Bei den Milchkühen zeigt sich ohne Berücksichtigung der Richtmengenregelung eine deutliche Wettbewerbsüberlegenheit der milchbetonten Typen von 11-28 %. mit Richtmengenregelung verändern sich die Wettbewerbsverhältnisse, da bei einer Umstellung auf milchbetonte Rassen aufgrund der höheren Milchleistung pro Kuh weniger Kühe gehalten und somit Futterflächen freigesetzt werden. Einen entscheidenden Einfluß auf die Wettbewerbskraft hat nun die Nutzung dieser freiwerdenden Flächen. In Grünlandbetrieben bestehen dazu mehrere Möglichkeiten, z.B. Kalbinnenaufzucht, Stiermast (Grassilage), Kalbinnenmast, Mutterkuhhaltung, Schafhaltung, etc. Weiters ist bei der Wirtschaftlichkeitsbeurteilung zwischen einer kurz- bis mittelfristigen und einer langfristigen Betrachtung zu unterscheiden.

Eine Umstellung auf milchbetonte Rassen im spezialisierten Milchviehbetrieb hat bei Nutzung der freiwerdenden Fläche durch zusätzliche Kalbinnenaufzucht zur Folge, daß sich eine geringfügige Wettbewerbsüberlegenheit von 1-3 % der milchbetonten Rassen bei vorhandenen Gebäuden im Vergleich zum BV ergibt. Lediglich die BS-Kühe bringen einen geringeren Gesamtdeckungsbeitrag von -0,7 %. Bei geringen alternativen Verwertungsmöglichkeiten für freiwerdende Futterflächen und bei vorhandenen Gebäuden sowie keinen Verwendungsmöglichkeiten freigesetzter Arbeitsstunden kommt es zu Wettbewerbsvorteilen für die BV-Variante. Eine Nutzung der freigesetzten Fläche durch Stiermast auf Grassilagebasis bewirkt eine Wettbewerbsgleichheit zwischen den Rassen. Betriebe mit spezialisierter Milchviehhaltung (ohne eigene Bestandesergänzung) können bei Nutzung der freiwerdenden Flächen durch Kalbinnenaufzucht (eigene Bestandesergänzung) die Wettbewerbskraft deutlich verstärken. Unter langfristigen Aspekten mit einem Stallneubau wird die Wettbewerbskraft der milchbetonten Kühe verstärkt. Der Wettbewerbsvorsprung beträgt nun 1 % bis 6 % im Vergleich zum BV. Bei alternativer Verwendung der freigesetzten Arbeitsstunden kommt es zu einer weiteren Erhöhung der Wettbewerbskraft um 4 % bis 15 % im Vergleich zum BV. Die Wettbewerbsüberlegenheit der milchbetonten Kühe ohne Richtmengenregelung wird jedoch nicht mehr erreicht.

In Grünlandbetrieben ist meistens mit höheren Zukaufspreisen für Kraftfutter zu rechnen. Unter diesen Bedingungen (+S 1,-/kg Kraftfutter-TM) sinkt bei mittelfristiger Beurteilung die Wettbewerbskraft der milchbetonten Kühe, sodaß es zu einer Wettbewerbsgleichheit bzw. -unterlegenheit (BS) im Vergleich zum BV kommt. Bei einer längerfristigen Beurteilung eines Neubaues und - unter Berücksichtigung der Arbeitskapazität - kommt es trotz höherer Kraftfutterpreise zu einer Wettbewerbsüberlegenheit der milchbetonten Kühe.

Erfolgt die Nutzung der freigesetzten Fläche in Futterbaubetrieben durch Stiermast (Silomaisbasis), dann ergibt sich eine Wettbewerbsüberlegenheit von 1 % bis 7 % je nach Rasse bzw. Kreuzungsgruppen für die milchbetonten Tiere. Im landwirtschaftlichen Gemischtbetrieb mit zusätzlicher Schweinemast beträgt die Überlegenheit ca. 1 % bis 3 % im Vergleich zum BV. Wird jedoch die freigesetzte Fläche durch Marktfrüchte (Verkauf) genutzt, so besteht bei mittelfristiger Beurteilung eine Wettbewerbsgleichheit bzw. -unterlegeheiten im Vergleich zum BV. Unter langfristigen Gesichtspunkten kommt es wegen des hohen Kapitalbedarfes für die Stiermast bei einem Neubau zu einer Abnahme des Wettbewerbsvorteiles in Absolutbeträgen der milchbetonten Tiere. Erfolgt die Nutzung der freiwerdenden Fläche durch Stiere der jeweiligen Rasse, so sind nur mehr für die Kreuzungsgruppen (B1 bzw. H1) deutliche Wettbewerbsvorteile gegeben. BS-Tiere sind in diesem Fall wettbewerbsunterlegen und HF-Tiere können nur mehr bei vorhandenen Gebäuden mit dem BV konkurrieren.

Die Überlegenheit der milchbetonten Varianten beträgt bei Nutzung der freiwerdenden Flächen durch Schweinemast unter langfristigen Gesichtspunkten 3 % bis 7 % (Neubau) bzw. 5 % bis 11 % bei alternativer Nutzung der freiwerdenden Arbeitsstunden. Der zusätzliche Marktfruchtanbau bringt eine Vorteilhaftigkeit der milchbetonten Varianten bei langfristiger Beurteilung bis 5 % bzw. bis 13 % bei alternativer Nutzung der Arbeitsstunden.

Ein Zukauf von Richtmengen wurde die Wettbewerbskraft von milchbetonten Rassen im Vergleich zum BV verstärken. Das gilt unter der Annahme, daß die zusätzlich anfallende Arbeit bewertet wird. Betriebe mit milchbetonten Rassen könnten beim Zukauf von Richtmengen je kg Milch daher mehr bezahlen. Weiters zeigt sich, daß in Grünlandregionen mit Nutzung der freigesetzten Flächen durch Kalbinnenaufzucht bzw. Stiermast auf Grassilagebasis höhere Zukaufspreise für Richtmengen gerechtfertigt sind als in Betrieben mit Ackerland. Hier entstehen höhere Nutzungskosten durch die Nutzung der freigesetzten Flächen mit Stiermast auf Silomaisbasis bzw. Schweinemast. Werden auf diesen Flächen zusätzlich Marktfrüchte angebaut, so ergeben sich wieder etwas höhere Zukaufspreise für Richtmengen.

Prinzipiell sind die Wettbewerbsunterschiede zwischen den kombinierten und milchbetonten Rassen relativ gering. Verschiebungen im Preis-Kostengefüge können leicht zu einer Änderung der Vorzüglichkeit einzelner Rassen führen. Die Wettbewerbsstellung der milchbetonten Rassen wird begünstigt durch Grünland- und Ackerbaustandorte mit hohen Nutzungskosten für die freigesetzte Fläche, hohe Grundfutter- und geringe Kraftfutterkosten, hohe Gebäude- und Arbeitskosten, geringe Herdengrößen, Zukauf von Richtmengen, Gebrauchskreuzungen und Geschlechtertrennung. Die Vorzüglichkeit der kombinierten Rassen wird eher begünstigt durch Grünland- und Ackerbaustandorte mit niedrigen Nutzungskosten für die freigesetzte Fläche, geringe Grundfutter- und hohe Kraftfutterkosten, niedrige Gebäude- und Arbeitskosten und eine entsprechende Herdengröße.

In den vorliegenden Berechnungen bringen Kühe mit höheren Milchleistungen zumindest bei langfristiger Beurteilung auch unter den Bedingungen einer Kontingentierung das etwas bessere wirtschaftliche Ergebnis. Eine weitere Erhöhung der Milchleistung bleibt daher wirtschaftlich solange interessant, als die Fruchtbarkeit und Vitalität der Tiere nicht darunter leidet. Das Ziel sollte die Verbesserung der Lebensleistung der Kühe sein, wozu neben der Milchleistung auch die Langlebigkeit, Laktationspersistenz und Zwischenkalbezeit zählen. Die Rassenwahl im Einzelbetrieb wird jedoch auch von anderen Faktoren, wie z.B. der Verfügbarkeit von Kälbern und der zukünftigen Entwicklung der Kälbereinstands- und Rinderpreise verschiedener Rassen beeinflußt. Eine wichtige Rolle spielen auch die einzelbetrieblichen Gegebenheiten.